BeReal verstehen: Plattform-Mechanik und Nutzerkultur
Wie BeReal funktioniert:
BeReal sendet täglich zu einem zufälligen Zeitpunkt eine Push-Benachrichtigung: "Time to BeReal." Nutzer haben 2 Minuten um gleichzeitig mit der Front- und Back-Kamera ein Foto zu machen. Das erzeugt ein ungefilterte Doppelaufnahme — was man sieht und wie man aussieht. Kein Nachbearbeiten, kein "besseres Licht suchen", kein Retake für perfektes Foto. Diese Mechanik ist anti-curated by Design.
Nutzerbasis und demografischer Kontext:
BeReal hatte seinen Peak 2022 mit über 20 Millionen aktiven Nutzern weltweit. 2024–2025: Deutlich gesunkene Aktivität, primäre aktive Nutzer sind 18–24-Jährige (College/Uni-Alter). Die Plattform wurde 2023 von Voodoo übernommen und versucht mit neuen Features (RealPeople, Discovery) wieder zu wachsen. Als massenmarkt-Plattform ist BeReal 2025 begrenzt — als kulturelles Statement über Authentizität bleibt es relevant.
Warum BeReal für Brand-Strategen trotzdem wichtig ist:
BeReals Aufstieg war ein direktes Symptom von Audience-Fatigue gegenüber überproduziertem Instagram-Content. Die Millionen Downloads in kurzer Zeit signalisierten: Es gibt einen tiefen Wunsch nach echten, ungefilterten Momenten. Dieser Wunsch ist auf alle Plattformen übertragen — auch auf TikTok und Instagram wo "raw content" und "no-edit videos" zunehmend performa.
Brands auf BeReal: Was funktioniert und was nicht
Brands die auf BeReal präsent sind/waren:
Wenige Brands haben BeReal ernsthaft als Marketing-Kanal genutzt. Chipotle (USA), e.l.f. Cosmetics und einige amerikanische College-Brands haben früh exklusive BeReal-Promo-Codes für BeReal-Follower angeboten. Der Ansatz: "Als erste das BeReal-Angebot zu sehen bekommen" als Exklusivitäts-Signal. Das ist eine der wenigen sinnvollen Marken-Aktivierungen auf BeReal.
Was auf BeReal nicht funktioniert:
Hochproduzierter Brand-Content der auf anderen Plattformen funktioniert, funktioniert auf BeReal nicht — er widerspricht der Plattform-Kultur fundamental. Creator die für Brands auf BeReal posten und offensichtlich curated Content produzieren (trotz der Mechanik), zerstören ihren BeReal-Authentizitäts-Status. Die Plattform bestraft Perfektion kulturell.
Authentizitäts-Paradox für Brands:
Brands auf BeReal stehen vor einem Paradox: Wenn Brand-Content auf BeReal perfekt und werblich wirkt, wird er als Kontamination der Plattform wahrgenommen. Wenn er genuinely raw und unperfekt ist, entspricht er nicht den Brand-Guidelines. Die wenigen Brands die BeReal gut gemacht haben, haben akzeptiert dass "nicht perfect" die Anforderung ist und Teams ermächtigt ungefilterte Behind-the-Scenes-Momente zu posten.
Die eigentliche Lektion: Authentizität als plattformübergreifende Strategie
Was BeReals Erfolg über Audience-Erwartungen zeigt:
Der Kern-Insight aus BeReal ist nicht "Brands sollen auf BeReal aktiv sein" — sondern dass Audiences zunehmend curated, hochproduzierte Perfektion mit Misstrauen betrachten. Dieser Trend zeigt sich auch auf anderen Plattformen: TikTok-Content ohne Filter und mit echter Reaktion performa oft besser als professionelle Produktion. Instagram-Creator die Imperfektionen zeigen, haben oft höheres Engagement als Hochglanz-Accounts.
Praktische Implikationen für Creator-Briefings:
BeReal-inspirierte Authentizitäts-Strategie bedeutet nicht "schlechte Qualität". Es bedeutet:
- Creator sollen eigene Persönlichkeit und genuine Meinung zeigen, nicht abgelesene Ad-Copy
- Imperfektionen im Creator-Content sind manchmal Stärke, nicht Schwäche
- Raw-Style-Videos (wenig Editing, natürliches Licht) performa auf TikTok oft besser als Studio-Content
- Behind-the-Scenes-Momente von Brands (Herstellung, Team, echte Mitarbeiter) resonieren stark
Creator-Auswahl nach Authentizitäts-Index:
Bei Creator-Selektion: Prüfen ob Creator auch imperfekte, candid Momente postet oder ausschließlich kuratierte Perfektion. Creator die gelegentlich ungefiltert sind — über schlechte Tage sprechen, normale Alltagsmomente zeigen — bauen tieferes Vertrauen auf als Creator die immer perfekt sind. Dieses Vertrauen überträgt sich auf Brand-Empfehlungen.
Authentizitäts-Benchmark: Beauty-Brand A (hochproduzierter Creator-Content, professionelles Setup, Makeup perfekt) vs. Beauty-Brand B (authentisch-raw Creator-Style, Creator zeigt echten Alltag) — gleiche Plattform, ähnlicher Creator-Tier. Brand A: ER 1,8 %, CTR 1,1 %. Brand B: ER 4,3 %, CTR 3,2 %. Der Authentizitäts-Unterschied erklärt 2× die Performance-Differenz.
Raw Content Trends auf TikTok und Instagram
"No-Edit" und "Unfiltered" als Content-Kategorien:
TikTok hat eine wachsende "no edit challenge" und "day in my life" Kategorie die explizit auf unedierten Content setzt. Diese Videos haben oft 3–5× höhere Share-Rates als produzierte Content-Formate. Der Algorithmus-Signal: Videos die geteilt werden weil sie "echt" wirken, signalisieren hohe Audience-Relevanz.
Instagram Finsta-Culture:
"Finsta" (Fake Instagram = zweiter privater Account) ist ein Phänomen das zeigt dass Nutzer einen Raum für ungefilterte Inhalte wollen neben ihrem kuratierten Haupt-Account. Brands die das verstehen, können Creator finden die auf ihrem Haupt-Account curiert sind aber authentische Verbindungen zu ihrer Audience haben.
Creator-Typen die Authentizität verkörpern:
Day-in-my-life-Creator: Zeigen echten Alltag, integrieren Produkte natürlich. "Get ready with me"-Creator: Zeigen sich unfertig, produzieren keine Studios-Shoots. Reaction-Creator: Echte Überraschungsreaktionen und Meinungen. Diese Creator-Typen haben in der Regel tiefere Audience-Trust-Scores als Production-Heavy-Creator und sind oft günstiger zu buchen.
Strategische Empfehlungen für Authentizitäts-orientiertes Creator-Marketing
1. Authentizitäts-Audit des Creator-Portfolios:
Bestehendes Creator-Netzwerk bewerten: Wie viele Creator produzieren ausschließlich Hochglanz-Content, wie viele zeigen echte, unfiltered Momente? Für die meisten Brands ist eine Mischung optimal: Einige aspirationale Creator für Brand-Prestige, mehr authentische Creator für Vertrauen und Conversion.
2. Creator-Brief-Überprüfung:
Aktuelle Briefs auf Over-Scripting prüfen. Wenn Brief mehr als 200 Wörter Skript enthält: kürzen. Wenn Brief explizit vorschreibt wie Creator über das Produkt zu sprechen hat: umformulieren zu Richtlinien statt Skript. Creator-Voice ist wichtiger als Brand-Copy-Konsistenz.
3. Imperfekte Moments als Content-Format testen:
A/B-Test: Produzierter Creator-Content vs. raw Vlog-Style-Creator-Content für dasselbe Produkt. In vielen Kategorien wird raw-Style besser performa. Das ist kein Zufall sondern Audience-Erwartungs-Trend der sich beschleunigt.
4. Behind-the-Scenes-Content von Brand selbst:
Neben Creator-Content: Brand-eigener Behind-the-Scenes-Content auf Social Media. Produktionsprozesse, Fehler und Lösungen, Team-Momente. Das komplementiert Creator-Authentizität und stärkt das Brand-Profil als transparent und menschlich.
BeReal-Features die auf anderen Plattformen existieren
Instagram Candid Challenges (BeReal-Klon):
Instagram hat eine eigene BeReal-ähnliche Feature eingeführt ("Candid Challenges") die täglich zu zufälliger Zeit eine Benachrichtigung schickt. Aufnahme: Gleichzeitig Selfie + Hauptkamera. Reichweite: Begrenzt, da Feature wenig promoted wird. Für Brands: Awareness dass diese Raw-Demand-Features auf allen Plattformen versucht werden.
TikTok Now (ebenfalls BeReal-Klon):
TikTok Now war TikToks BeReal-Klon — wurde 2023 in vielen Märkten eingestellt wegen geringer Nutzung. Das bestätigt: BeReal-Mechanik ist als eigenständige Plattform nicht skalierbar, aber der Authentizitäts-Wunsch der dahintersteht ist real und auf allen Plattformen relevant.
Das eigentliche Fazit für Brands:
BeReal als Plattform ist 2025 für die meisten Brands kein priorisierter Kanal. Aber BeReal als Symptom — als Zeichen was Audiences wirklich wollen — ist die wichtigste Lektion. Creator-Marketing das auf echte Menschen mit echten Meinungen und authentischen Momenten setzt, wird langfristig besser performa als Creator-Marketing das auf produzierte Perfektion setzt.
Frequently Asked Questions
Sollten Brands 2025 noch auf BeReal aktiv sein? +
Nur wenn die Zielgruppe 18–24 Jahre ist und ein authentisches, unfiltered Brand-Image kommuniziert werden soll. Die Nutzerbasis ist klein genug dass der Aufwand nur für Brands mit sehr junger Zielgruppe rechtfertigbar ist. Für die meisten Brands gilt: Die Zeit die in BeReal-Content investiert wird, ist auf TikTok oder Instagram Reels besser eingesetzt. Der wichtigere Lerneffekt ist die Authentizitäts-Strategie auf den Haupt-Plattformen anzuwenden.
Wie brieft man Creator für authentischen Raw-Content ohne Qualität zu opfern? +
Authentischer Raw-Content bedeutet nicht schlechte Qualität. Es bedeutet: Creator-Stimme und Creator-Persönlichkeit dominieren statt Brand-Skript. Technische Grundqualität (stabiles Video, hörbares Audio) ist Minimum-Standard. Aber: Perfektes Licht, professionelles Setup, poliertes Editing sind nicht nötig. Brief formulieren als: "Zeig wie du das Produkt in deinem echten Alltag nutzt" statt "Produziere ein professionelles Review-Video".
Gibt es Brands die auf BeReal wirklich erfolgreich waren? +
Chipotle (USA) war eines der bekanntesten Beispiele: exklusive Promo-Codes nur für BeReal-Follower, schnelle erste 100 Follower mit viraler Aufmerksamkeit. Bud Light und einige weitere US-Consumer-Brands haben kurz experimentiert. Im DACH-Raum war die BeReal-Brand-Nutzung sehr begrenzt. Der Erfolg war nie über BeReal als Conversion-Kanal sondern als PR-Story: "Brand X ist auf BeReal" generierte Medien-Coverage die den eigentlichen Marketing-Wert lieferte.
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